Patchwork-Familien - Beratung und Therapie

 
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Aus dem Inhalt

Teil I: Patchworks sind anders

Ausgangslage
Ideal und Wirklichkeit
Rollenerwartungen
Das Leiden der Stiefväter und Väter
Das Leiden der Stiefmütter und Mütter
Das Leiden der Kinder und Jugendlichen Patchwork-Diagnostik

Teil II: Arbeit mit Patchworks

Voraussetzungen für die therapeutische Arbeit
Der diagnostisch-therapeutische Kreisprozess
Schritte einer Therapie oder Beratung
Elemente der therapeutischen Arbeit
Stop-and-go-Beratung, Teilabschlüsse, Abschlüsse

Teil III: Therapiebeispiel

Teil IV: Diskurs

Teil V: Tipps für die Praxis

Dynamik hinter dem Leiden bei bestimmten Problemsituationen
Settingentscheidungen
Mehrpersonensetting

Interventionen für bestimmte Ausgangs- lagen oder Ziele
Methodenanhang

Rezension in »systeme« vom Dezember 2017 von Wolfgang Loth

Patchworkfamilien. Beratung und Therapie.

Mit Beiträgen von Alfons Aichinger und Christian Prior. W. Kohlhammer, Stuttgart, 251 S.

Auch wenn die aktuellen Zahlen des Statistischen Bundesamtes in Wiesbaden für 2016 eine leichte Abnahme von Ehescheidungen vermelden1, heißt das nicht, dass das Thema gegessen sei. Allein schon die Tatsache, dass die Hälfte der geschiedenen Ehepaare minderjährige Kinder hatte, insgesamt knapp 132 000 Kinder unter 18 Jahren, deutet den Bedarf beraterischer und/oder therapeutischer Hilfen an. Und auch, wenn vielleicht nicht alle geschiedenen Eltern sich einer neuen Partnerschaft zuwenden, bleiben Patchwork-Konstellationen die Hauptherausforderung für diese Hilfen. Zu diesem Thema haben die beiden AutorInnen mit dem hier besprochenen Buch nicht zum ersten Mal Substanzielles beigesteuert. Es liegt bereits ein Buch vor, das denen weiterhelfen soll, die in Patchwork-Konstellationen leben (1). Mit dem vorliegenden Buch werden nun in erster Linie Fachleute angesprochen, die dazu Hilfen anbieten oder die auf entsprechende Hilfen verweisen möchten.

Hess und Starke gelingt es, ihren Ansatz lebendig, plausibel und strukturiert zu vermitteln. Von Beginn an wird deutlich, dass sie dabei konsequent auf die Ressourcen des Mehrpersonensettings setzen: „Wir erkannten, dass die deutlich höhere Komplexität von Patchwork-Systemen nur zu erfassen ist, wenn die Beziehungsgefüge zwischen den Personen in Subsystemen und Mehrpersonensettings erkannt und bearbeitet werden“ (S. 11). Was dazu in diesem Buch vorgestellt und diskutiert wird, bekommt in Form einer „Patchwork-Geschichte“, die sich in Fortsetzungen wie ein roter Faden durch das Buch zieht, ein höchst illustratives und spannendes Pendant. In dieser Geschichte geht es um Beate und Lars, die jeweils getrennt von den PartnerInnen leben, mit denen sie Kinder haben. Die beiden Kinder von Beate leben mit im gemeinsamen Haushalt. Ein Kind lebt bei der Ex von Lars. Später kommt noch ein gemeinsames Kind von Lars und Beate dazu. Was es bedeutet, jeden Einzelnen und die Dynamik von Subsystemen und des Gesamtsystems im Blick zu haben, vermitteln Hess und Starke insbesondere anhand dieser Fortsetzungsgeschichte auf ein- gängige und überzeugende Weise.

Das Buch hat eindeutig Lehrbuch-Qualitäten. Durch die veranschaulichende Patch- work-Geschichte erhält es jedoch einen lebendigen und bilderreichen Grundton. Das ist wirklich gut gemacht. Inhaltlich gibt es zunächst das Vokabular in pointierter und dennoch verständlicher Form: Die verschiedenen Konstellationen, Unterschiede zu Erstfamilien, Rollenerwartungen, Fallen für Stiefmütter und Stiefväter und damit ein- hergehendes Leiden sowie die Situation von Kindern und Jugendlichen. Einige „Ka- pitalfehler“ kommen zur Sprache, und mit Hilfe einer Art „Patchwork-Diagnostik“ werden problematische Dynamiken zwischen Subsystemen nachvollzogen. Groß- eltern und Verwandte werden in ihrem Beisteuern (an)erkannt. „Prognostische As- pekte“ skizzieren Phasen und Ressourcen in Patchwork-Systemen. Das hier nur kurz angerissene Vokabular erscheint mir sehr hilfreich und dürfte das Orientieren im manchmal überbordenden Geschehen erleichtern.

Wie das praktisch gehen kann, stellt Teil 2 „Arbeit mit Patchworks“ vor. Hier haben mich vor allem die Aussagen zu Setting-Entscheidungen überzeugt. Da lassen Hess und Starke nichts anbrennen. Konsequent haben sie im Blick, wer wann wie draußen vor bliebe, wenn was geschieht oder nicht geschieht, wie alle Beteiligten eingebunden werden können, auch unter erschwerten Bedingungen (das schon sprichwörtliche Hochstrittige und Multiproblematische). Im Prinzip erzählen die beiden AutorInnen da keine grundstürzenden Neuigkeiten, vieles dürfte bekannt sein. Und dennoch imponiert mir das Dranbleiben, das konsequente Berücksichtigen von Entwicklungs- schritten (sowohl wenn sie stattfinden als auch wenn sie ausbleiben), das konsequente Einsetzen dafür, dass alle im System Mitwirkenden eine faire Chance bekommen, gehört zu werden und einen eigenen förderlichen Beitrag zu leisten. In dieser nachhaltigen und umfassenden Form ist mir das selten begegnet. Die im Teil 3 („Therapiebeispiel“) ausführlich dokumentierte Arbeit mit der bereits bekannten Patch- work-Geschichten-Familie über sieben Sitzungen in unterschiedlichen Settings illustriert das vorher methodisch Umrissene auf exzellente Weise. Auch wenn das ein idealer Fall zu sein scheint (mit Glück und letztlich sehr kooperativen MitstreiterInnen), entfaltet sich der Spirit des in diesem Buch Vorgestellten erkennbar und über- zeugend. Zu jeder Sitzung gibt es Skizzen inklusive wörtliche Passagen und dazu jeweils die methodischen und inhaltlichen Überlegungen der TherapeutInnen. Das liest sich nicht nur spannend, sondern erinnert auch durchgängig daran, dass zwar HelferInnen nicht alles allein in ihrer Hand haben, aber mit wachem Blick und unerschrockenem Respektieren dran bleiben können. Ohne dass der Begriff „Verantwortung“ demonstrativ nach vorne gekehrt wird, werden sowohl Notwendigkeit als auch Möglichkeiten verantwortlichen Verhaltens auf TherapeutInnen-/BeraterInnen-Seite unmittelbar deutlich. Mich hat das sehr beeindruckt.

Es ist ein Kennzeichen dieses Buches, dass die Inhalte unter verschiedenen Perspektiven vermittelt werden. Und so folgt dem differenziert geschilderten Therapiebeispiel ein Kapitel, in dem eine Reihe von KollegInnen aus unterschiedlichen beruflichen Kontexten die vorgestellte Arbeit kommentiert (u.a. Gunther Schmidt, Christiane Bauer und Alfons Aichinger). Dass das nicht zu einer Anhäufung redundanter Statements führt, sondern einen meist anregenden Reigen eröffnet, spricht für das editorische Geschick der AutorInnen.

Die in Kapitel V versammelten „Tipps für die Praxis“ erweisen sich als differenziert, anregend und dürften entschieden helfen, sich im manchmal labyrinthhaft darstel- lenden Geschehen zurechtzufinden. Der praktische Nutzen dieser Tipps wird erhöht durch das separate differenzierte Inhaltsverzeichnis (S. 173 ff.). Hier wie auch im ge- samten Buch helfen darüber hinaus Seitenrandmarker beim schnellen Orientieren. Überhaupt scheinen die AutorInnen sehr viel Wert darauf gelegt zu haben, ihr Buch leserInnenfreundlich zu gestalten. Es ist eindeutig darauf angelegt, in der Praxis zu nützen. Dem entsprechen auch das nachfolgende Glossar und ein Stichwortverzeich- nis. Bei Letzterem hätte es vielleicht noch etwas ausführlicher sein können. Das im Text gelegentlich unterstrichene Gebot der Allparteilichkeit kommt im Stichwortver- zeichnis z. B. nicht vor. Doch sind das Petitessen im Vergleich zur sehr gelungenen Gesamtpräsentation dieses Buches. Beiträge von Alfons Eichinger (zur psychodra- matischen Teilearbeit mit Tierfiguren) und Christian Prior (zu „Klärungshilfe“) runden das Buch ab.

Es soll meine unbedingte Zustimmung zu diesem Buch nicht schmälern, wenn ich auch einen Stolperer erwähne. Das Buch wird bei Kohlhammer unter der Gesamtüber- schrift „Psychotherapie“ verlegt. Hess und Starke verwenden die Begriffe Psycho- therapie und Beratung im Prinzip synonym. Ich nehme an, dass dies in der Praxis, insbesondere in Beratungsstellen als den Anlaufstationen per se für solche Frage- stellungen genauso gesehen wird. Dabei geraten die Fallstricke der aktuellen berufs- rechtlichen Situation (in Deutschland) natürlich aus dem Blick. Daher finde ich es bemerkenswert und gut, wenn in den erwähnten Kommentaren anderer KollegInnen Martin Krummeich (Familienberatung und Schulpsychologischer Dienst der Stadt Köln) bei der Frage nach Möglichkeiten der Kassenfinanzierung der Arbeit mit Patchwork-Familien moniert, das erwecke „den Eindruck, dass das soziale Phänomen ‚Patchwork-Familie‘ Gegenstand von psychotherapeutischer Heilbehandlung werden sollte“. Was die Befürchtung nährt, „dass ‚Patchwork‘ so zu einem Stigma oder Merk- mal von Krankheitswert werden könnte, im Sinne von ‚gestörter oder dysfunktionaler Familienbeziehung‘“ (S. 166). Ich halte diesen Einwand für notwendig. Er ist jedoch weder gedacht als Kritik am vorliegenden Buch noch ändert er etwas an dem Ein- druck, dass es ein ungewöhnlich gut gemachtes Vademecum für die Praxis ist. Alle, die in ihrer Arbeit – auch im weitesten Sinne – mit Patchwork-Familien zu tun haben, dürften von diesem Buch in hohem Maß profitieren. Es sollte in keiner Instituts-, Beratungsstellen- und Fachpraxisbibliothek fehlen – außer es wird dauernd für den Handapparat gebraucht.

Wolfgang Loth (Bergisch Gladbach)